TOP 23 Pflegeausbildung in Niedersachsen weiterentwickeln und erweiterte Pflegekompetenzen verlässlich umsetzen

Vielen Dank. - Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Sie wissen ja, dass ich selber Krankenschwester bin. Deswegen verbinde ich mit diesem Antrag auch nicht zuerst Paragrafen und Verordnungen, sondern ich denke an bestimmte Situationen. Ich denke an Situationen, die viele Kolleginnen und Kollegen oft erleben.

Stellen Sie sich einen jungen Menschen im ersten Ausbildungsjahr vor: Frühdienst, eine Kollegin erkrankt, der Dienstplan war vorher schon knapp, es ist Urlaubszeit, und da heißt es plötzlich: Du musst heute leider auf die Demenzschwerpunktstation gehen. Wenn irgendwas ist, dann ruf mich an. - Dort auf der Station leben Menschen, die überwiegend desorientiert sind, oft Angst haben oder herausforderndes Verhalten zeigen.

Der Auszubildende muss plötzlich allein Risiken einschätzen, angemessen kommunizieren ‑ validieren nennt man das in der Pflege ‑ und manchmal in brenzligen Situationen schnell und richtig und sicher handeln. Denn all das gehört zur Pflege, und all das muss man lernen.

Ich sage das ausdrücklich nicht als Vorwurf an unsere Einrichtungen. Ich weiß ja selbst, unter welch hohem Druck die Kolleginnen und Kollegen dort oft arbeiten. Wenn morgens jemand ausfällt, kann man die Versorgung nicht einfach für einen Tag absagen. Dann wird umorganisiert, eingesprungen und aufgefangen. Die Kolleginnen und Kollegen versuchen, irgendwie möglich zu machen, was schwer möglich ist. Aber wir dürfen uns nicht daran gewöhnen, dass aus einer Notlösung Normalität wird.

Denn die Lösung kann nicht sein, dass jemand, der einen Beruf gerade erst erlernt, plötzlich Verantwortung übernehmen soll, für die Wissen und Erfahrung eben noch fehlen. Das überfordert den Auszubildenden, und es kann die Sicherheit des Menschen gefährden, der ihm anvertraut ist. Auszubildende sind Lernende. Sie sind keine Personalreserve für den nächsten Engpass.

Sie brauchen eine verlässliche Praxisanleitung, eine Anleitung, die geplant ist und strukturiert stattfindet. Die dafür vorgesehenen Zeiten sind übrigens bereits geregelt und refinanziert. Und trotzdem gibt es eine Lücke zwischen Anspruch und Alltag.

Deshalb wollen wir gemeinsam mit den Trägern der praktischen Ausbildung und den Pflegeschulen herausfinden, woran es konkret scheitert und wie wir sicherstellen können, dass diese Zeit auch tatsächlich für die Ausbildung genutzt wird. In anderen sicherheitsrelevanten Bereichen akzeptieren wir klare Grenzen übrigens ganz selbstverständlich. Denken wir an den Luftverkehr, denken wir an Piloten, denken wir auch an Chirurgen! Warum sollten wir ausgerechnet bei der Versorgung von Menschen einen geringeren Maßstab ansetzen?

Auch darüber hinaus wollen wir die generalistische Pflegeausbildung stärken: von verlässlichen Ausbildungsstrukturen über die Vermeidung von Ausbildungsabbrüchen bis hin zur besseren Integration internationaler Fachkräfte.

Qualität entscheidet sich nicht nur daran, wie wir ausbilden, sondern besonders auch daran, was jemand am Ende tatsächlich kann.

(Beifall bei der SPD und bei den GRÜNEN)

Wir brauchen gut qualifizierte Pflegefachpersonen genauso wie gut qualifizierte Pflegefachassistenz. Mit der neuen Pflegefachassistenzausbildung wird zum 1. Januar 2027 ein neuer, ein bundeseinheitlicher Rahmen geschaffen. Die reguläre Ausbildung dauert dann 18 Monate. Für Pflegehelferinnen und Pflegehelfer mit entsprechender Vorerfahrung gibt es auch einen alternativen Weg, nämlich über einen Vorbereitungskurs von 320 Stunden. Das ist eine tolle Chance, denn Berufserfahrung ist wertvoll, und wir sollten sie auch anerkennen.

(Beifall bei der SPD und bei den GRÜNEN)

Gleichzeitig bedeutet Erfahrung nicht automatisch einen Nachweis von Kompetenz. Wer etwas zehn Jahre lang gemacht hat, hat zehn Jahre lang Erfahrung. Daraus folgt aber nicht automatisch, dass jede Handlung zehn Jahre lang fachlich richtig ausgeführt wurde.

Diese Erkenntnis soll keine Geringschätzung sein. Es ist der Anspruch, Pflege als professionellen Beruf ernst zu nehmen und Sicherheit zu gewährleisten. Wenn eine Pflegefachassistenz Verantwortung übernimmt, muss sich ein pflegebedürftiger Mensch darauf verlassen können, dass sie diese Verantwortung auch sicher übernehmen kann. 

Werden Risiken erkannt? Wird auch in schwierigen Situationen fachlich und sicher gehandelt? Wir wollen dafür einen verlässlichen Nachweis praktischer Handlungs­kompetenz, ganz unabhängig davon, auf welchem Weg jemand zum Abschluss kommt. Wir wollen landesweit nachvollziehbare Qualitätsmaßstäbe. Und wir wollen evaluieren, wie sich die unterschiedlichen Zugangswege bei Ausbildungserfolg und Versorgungsqualität bewähren. Denn unterschiedliche Wege zum Berufsabschluss sind zwar richtig, aber bei der Sicherheit der Menschen darf es keine unterschiedlichen Maßstäbe geben.

Doch wenn wir Menschen gut qualifizieren, stellt sich die nächste Frage zwangsläufig:. Nutzen wir ihre Qualifikation anschließend eigentlich auch, und auch an der richtigen Stelle? Genau darum geht es auch in diesem Antrag, nämlich bei der hochschulischen Pflegeausbildung und bei den erweiterten Pflegekompetenzen. Wir haben in Niedersachsen Strukturen für akademische Pflegequalifikation aufgebaut. Diese müssen wir aber auch verlässlich absichern. Denn mehr pflegerische Kompetenzen brauchen auch die entsprechenden Qualifikationswege.

Mit dem Gesetz zur Befugniserweiterung und Entbürokratisierung in der Pflege, kurz BEEP ‑ ich nenne es immer noch Pflegekompetenzgesetz, den Rest kann ich mir nie merken ‑

(Volker Bajus [GRÜNE] lacht)

eröffnen sich neue Möglichkeiten. Dabei geht es nicht um berufspolitisches Prestige, es geht um Versorgung.

Gerade in einem Flächenland wie Niedersachsen können wir es uns nicht leisten, vorhandene Qualifikationen ungenutzt zu lassen. Wenn entsprechend qualifizierte Pflegefachpersonen Aufgaben sicher übernehmen können, dann müssen wir die Voraussetzungen dafür auch schaffen. Mehr Verantwortung braucht eben auch mehr Klarheit.

Bisher fehlt für diese staatliche Kompetenzfeststellung ein landesweit einheitliches, qualitätsgesichertes Verfahren. Wir müssen ganz klar regeln, welche Qualifikation für welche Aufgaben erforderlich ist und wie Kompetenzen nachgewiesen werden.

Auch langjährig berufserfahrene Pflegefachpersonen müssen bereits erworbene Kompetenzen anerkennen lassen können. Denn wer mehr Verantwortung übernehmen soll, muss wissen: Was darf ich? Wofür bin ich eigentlich genau verantwortlich? Und worauf kann sich meine Einrichtung verlassen?

Dabei darf eines nicht passieren: Dass wir über Pflegeprofession reden, aber nicht mit ihr. Pflegefachpersonen wissen, wo politische Regelungen in der Praxis funktionieren und wo nicht. Sie merken sehr schnell, wenn etwas auf dem Papier zwar gut klingt, im Versorgungsalltag aber auch schnell an seine Grenzen stoßen kann. Deshalb wollen wir gemeinsam mit Berufs- und Fachverbänden der Pflegewissenschaft und weiteren Vertretungen der Pflegeprofessionen ein Konzept für eine dauerhafte, eigenständige und strukturierte Beteiligung der Pflege an landespolitischen Entscheidungen entwickeln.

(Beifall bei der SPD und bei den GRÜNEN)

Liebe Kolleginnen und Kollegen, ich weiß, was in der Pflege jeden Tag geleistet wird. Ich weiß, wie oft Pflegende schwierige Situationen auffangen, weil Menschen eben nicht gepflegt werden können, wenn das Personal fehlt. Aber wir dürfen auf diesen Druck nicht reagieren, indem wir unsere Ansprüche an Pflege senken. Wir müssen dafür sorgen, dass die Strukturen dem Anspruch gerecht werden, dass Menschen ihren Beruf gut erlernen können, dass sie sicher in dem werden, was sie tun, dass wir Kompetenzen verlässlich feststellen und dass Menschen die Kompetenzen, für die sie qualifiziert sind, anschließend auch einsetzen können.

Denn am Ende geht es nicht um Ausbildungsordnungen oder Zuständigkeiten, es geht um den Auszubildenden vom Anfang dieser Rede, der einen anspruchsvollen Beruf lernen möchte und dafür Anleitung braucht. Es geht um die Kolleginnen und Kollegen, die ihn gut ausbilden wollen, obwohl ihnen der Alltag das manchmal verdammt schwer macht. Und vor allem geht es um die Menschen, die darauf vertrauen müssen, dass jemand da ist, der weiß, was er tut, wenn Pflege gebraucht wird.

Pflege braucht gute Ausbildung, gute Ausbildung braucht Zeit, Anleitung und klare Qualitätsstandards. Gute Qualifikation muss am Ende bei den Menschen ankommen, die auf eine sichere Versorgung angewiesen sind. Genau dafür steht dieser Antrag. Wir bitten um Ihre Unterstützung.

Herzlichen Dank.

(Beifall bei der SPD und bei den GRÜNEN)